Seite wählen

Derlebacher G’schichtle Folge 39

Lesedauer: 3 Minuten

Der „Rösche-Bott“ und die Träume eines Seelbacher Jungen

Karl Rösch (1860 bis 1943) war nicht nur Bäcker und Landwirt, sondern vor allem bekannt als Frachtfuhrmann. Mit seinem Pferdefuhrwerk transportierte er Stückgut zwischen Seelbach und den talaufwärts liegenden Ortschaften. Hin und wieder fuhr er auch durch die Stadt Lahr. Er galt als unauffälliger Mann, mittelgroß mit einem leicht gebeugten Rücken und einem grimmigen Gesichtsausdruck, der bei den Kindern keine Sympathien hervorrief.

Derlebacher Gschichtle Folge 39
Diese hatten oft ihre Scherze mit ihm getrieben, indem sie Gegenstände an seinen Wagen banden oder seine Räder sabotierten. Trotz dieser Bärbeißigkeit hatte der „Rösche-Bott“, wie er in Dörlinbach genannt wurde, das Herz eines kleinen Jungen aus Seelbach gewonnen. Der Bub träumte davon, selbst Fuhrmann zu werden und eines Tages respektvoll durch das Tal zu kutschieren, hoch oben auf dem Bock seines eigenen Wagens. Dieser Traum sollte jedoch bald jäh enden.
Derlebacher Gschichtle Folge 39
Außenwandgemälde in der Brandhalde (Anwesen Kaspar). Hans Buschs Erstlingswerk an Dörlinbachs Hauswänden, das er im August 1975 fertigstellte.
Derlebacher Gschichtle Folge 39
Eines Tages schlüpfte der Junge heimlich auf den Wagen des Rösch, als dieser im Wirtshaus „Zum Bären“ verweilte. Voller Stolz schwang er sich auf den Bock und ahmte ihn nach, schnallte die Zügel und rief wie ein echter Fuhrmann. Doch die Pferde setzten sich unkontrolliert in Bewegung und galoppierten talaufwärts. In Panik versuchte der Junge, die Tiere zu stoppen, was nur zu mehr Tempo führte. Schlussendlich sprang er aus dem fahrenden Wagen – eine Entscheidung, die ihn in Sicherheit brachte. In Wittelbach sah der Ochsenwirt das führerlose Gespann heranbrausen und wusste sofort, wessen Fuhrwerk es war. Er informierte den Rösch, den er treffend im Ochsen vermutete. Wenig später fuhr dann Rösch im Auto des Doktors vor, der gerade im Tal unterwegs war. Der „Rösch-Bott“ stieg krebsrot im Gesicht und voller Zorn über den verantwortlichen Lausbuben aus dem Auto des Doktors aus und legte danach im Wirtshaus „Zum Ochsen“ den nächsten Halt ein, schließlich mussten sich seine Pferde erst einmal von den Strapazen erholen. Der Junge war indes brav zu Hause angekommen und ging fortan dem „Rösche-Bott“ aus dem Weg. Von diesem Tag an war sein Kindheitstraum vom Fuhrmann endgültig vorbei. So lehrte ihn das Abenteuer, dass Träume manchmal zu schnell Wirklichkeit werden – und dass man seine Idole besser aus sicherer Entfernung bewundern sollte.

Veröffentlicht am 28. November 2023 / red

Visuelle Impressionen zur Geschichte:

Das könnte Dir auch gefallen:

Derlebacher G’schichtle Folge 61

Derlebacher G’schichtle Folge 61

Heute erstrahlt der Sportverein Dörlinbach (SVD) in den strahlenden Farben Rot und Weiß. Doch wer erinnert sich noch an die Anfangszeit, als Blau und Weiß...

mehr lesen
Derlebacher G’schichtle Folge 60

Derlebacher G’schichtle Folge 60

Die Fasnet hat in Dörlinbach eine lange Tradition, die bis in die 1950er-Jahre zurückreicht. Während wir schon mehrfach über die Fasent früherer Zeiten berichtet haben,...

mehr lesen
Derlebacher G’schichtle Folge 58

Derlebacher G’schichtle Folge 58

Vor sechs Jahrzehnten war Dörlinbach von einer mysteriösen Tragödie erschüttert, die die Dorfgemeinschaft über Wochen in Atem hielt. Im Februar 1965 verschwand die 75-jährige Maria...

mehr lesen
Derlebacher G’schichtle Folge 57

Derlebacher G’schichtle Folge 57

Stellt euch vor, wie es war, als die Schulkinder in den frühen 1960er-Jahren in Dörlinbach ihre Schulbank drückten – eine Zeit, die voller Überraschungen und...

mehr lesen
Derlebacher G’schichtle Folge 56

Derlebacher G’schichtle Folge 56

In Dörlinbach gibt es ein ganz besonders Lied, das seinesgleichen sucht! Zwar teilen sich noch zwei andere Orte in Deutschland den Brauch des Neujahransingens, doch...

mehr lesen
Derlebacher G’schichtle Folge 55

Derlebacher G’schichtle Folge 55

Mit dem Einzug der Weihnachtszeit wird der Duft von frisch gebackenem Gebäck in Dörlinbach und Umgebung lebendig – und kaum etwas verkörpert die Festtage besser...

mehr lesen
Derlebacher G’schichtle Folge 54

Derlebacher G’schichtle Folge 54

Mit dem Beginn der Fasnacht zieht ein bunter Reigen an Bräuchen und Süßigkeiten in die Dörfer ein. Besonders charmant war das „Gutselewerfen“, das am Fasentmändig,...

mehr lesen
Derlebacher G’schichtle Folge 53

Derlebacher G’schichtle Folge 53

Die besinnliche Weihnachtszeit hat seit Jahrhunderten ihre ganz eigenen Bräuche und Geschichten, die nicht nur das Fest verschönern, sondern auch die Familien zusammenbringen. In Dörlinbach...

mehr lesen
Derlebacher G’schichtle Folge 52

Derlebacher G’schichtle Folge 52

Wusstet ihr, dass der Engelhof im Durenbach, eines der ältesten Bauernhäuser im Schuttertal, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ursprünglich als der „Heidenhof“ bekannt war?...

mehr lesen

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Favicon
doerlinbach800.de
Die rechte Maustaste ist nur für eingeloggte Benutzer verfügbar