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Geniale Musiker und Instrumentenbauer

Lesedauer: 4 Minuten

Ihre Instrumente sind weltweit gefragt

Beide wuchsen am Unterrain auf, gingen in Dörlinbach zur Schule und spielten in der örtlichen Musikkapelle. Sie hatten schon früh den Hang zu nicht alltäglichen Musikinstrumenten. Der eine ist Helmut Moßmann (Jahrgang 1949). Der andere ist Franz Günther Schüssele (Jahrgang 1952), der hier im Ort eigentlich immer nur Franz genannt wurde.

Helmut Moßmann mit Sohn Thomas in den 1980er-Jahren bei einer Ausstellung zum Thema „Altes Handwerk“ in der Sulzberghalle.
Schüssels Faible für alte und skurrile Musikinstrumente ist hinlänglich bekannt. Der gebürtige Dörlinbacher, der seit den 1980er-Jahren in Friesenheim lebt und verheiratet ist, spielt unter anderem auch auf Spazierstöcken, Regenschirmen, Krückstöcken, Kürbissen, Kalebassen und sogar auf einem Tannenbaum. Er selbst nennt vieles davon „Unsinns-Instrumente“ und hat schon zu seinen Dörlinbacher Zeiten erste Erfahrungen mit ihnen gemacht.
Das Leib- und Mageninstrument des Instrumenten-Erfinders Franz Schüssele ist das Alphorn. Er komponiert auch eigene Alphorn-Stücke.
Außenwandgemälde in der Brandhalde (Anwesen Kaspar). Hans Buschs Erstlingswerk an Dörlinbachs Hauswänden, das er im August 1975 fertigstellte.
Helmut Moßmann in den 1980er-Jahren bei einer Ausstellung zum Thema „Altes Handwerk“ in der Sulzberghalle.

Instrumenten-Erfinder Franz Schüssele

Schüssele hatte schon immer die Gabe, mit allem irgendwie Musik zu machen. Und so ging es schon früh los mit Gartenschläuchen, Fahrradlenkern und Medizinspritzen, die er einfach zu Musikinstrumenten umbaute. Beispielsweise wurde so auch aus einer Fahrradpumpe kurzerhand eine Flöte. Schüssele wurde schließlich zu einem überaus originellen Instrumenten-Erfinder. Dies kam später vor allem der wohl skurrilsten Musikgruppe Deutschlands, den „Gälfiäßlern“ zugute. Er hatte nämlich diese außergewöhnliche Band mitgegründet, deren Entstehung im Jahre 1978 Schüssele einmal als „eine Schnapsidee unter Gleichgesinnten“ nannte. Mit Helmut Moßmann war bei der Gründung übrigens ein weiterer Dörlinbacher mit dabei, der später im Ortsteil Schuttertal ein neues Zuhause fand. Moßmann war damals Gitarrist der Gruppe, wurde aber schon kurz nach Gründung der Band von Bernie Weiss aus Lahr abgelöst. Der Gruppe gehörten außerdem die Seelbacher Wolfgang Miessmer (Jahrgang 1936) und Klaus Himmelsach (1941 bis 2020) sowie der Friesenheimer Herbert Paul Wieber (Jahrgang 1950) an. Die „Gälfiäßler“, die sich über die Jahre hinweg in Funk und Fernsehen einen klangvollen Namen gemacht und im Jahre 2001 es sogar mit 152 Instrumenten ins Guinessbuch der Rekorde geschafft haben, sorgen auch heute noch für Furore auf den Bühnen des Landes. Sie sind aber mittlerweile mit einer geschrumpften Formation unterwegs, da zunächst in 2008 Wolfgang Miessmer und zuletzt im Jahre 2015 Klaus Himmelsbach aufhörte. Ach ja und Helmut Moßmann, der zu Beginn für eine kurze Zeit der Formation angehörte, schlug einen ganz anderen Weg ein. Er widmete sich fortan nur noch historischen Holzblasinstrumenten und vor allem dem Dudelsackbau.

Lied zu einer brisante Geschichte

 

Doch zunächst zurück zum Leiter und Frontmann der „Gälfiäßler“, zu Franz Schüssele, der sich im Jahre 2015 in seiner alten Heimat ordentlich Gehör verschaffte – in seiner für ihn typischen Art. Aber nicht durch einen Auftritt mit seiner Kultband „d’ Gälfiäßler“, wie man meinen könnte, sondern mit einem musikalischen Auftritt auf der Internetplattform YouTube. Schüssele, inzwischen auch ein weithin bekannter Alphorn-Solist und Instrumentenbauer, nahm sich damals einer brisanten Geschichte rund um das Dörlinbacher Kapellchen auf dem Kappelberg an und schrieb dazu ein Lied. Unter dem Titel „General-Verdacht im Schuttertal“ erschien ein Videoclip auf besagter Internetplattform (siehe dazu auch unter dem gleichnamigen Blog-Beitrag „General-Verdacht im Schuttertal“ vom 25. August 2021). Der 1952 in Dörlinbach geborene Schüssele griff damit noch einmal jene Vorkommnisse auf, die im Frühsommer 2015 in seiner früheren Heimatgemeinde gehörige Wellen schlugen. Zugleich übte im Zusammenhang der Geschehnisse harsche Kritik an der Kirche. Nicht nur im Lied, auch in lokalen Medien kritisierte er nämlich die damalige Vorgehensweise der verantwortlichen Kirchenleute. Das Video zum Lied „General-Verdacht im Schuttertal“ findet ihr nicht nur auf YouTube, sondern ist natürlich auch auf unserer Video-Seite abrufbar.

 

Die Mehrzahl der Videos, die von dem ehemaligen Dörlinbacher auf YouTube und anderswo im Netz kursieren, beinhalten jedoch dessen Genialität als Alphorn-Solist und Instrumentenbauer. Und da gab und gibt es für den ehemaligen Dörlinbacher scheinbar keinerlei Grenzen. So findet sich in seinem Sammelsurium unter anderem auch eine Karotten-Klarinette, eine Kürbis-Oboe sowie eine Rettich-Trompete. Es sind sozusagen „vergängliche“ Instrumente. Zum Teil werden diese sogar von Franz Schüssele live vor Publikum gebaut – und hinterher natürlich auch gleich wieder genüsslich verspeist. Sein Leib- und Mageninstrument ist jedoch das Alphorn. Sein erstes Alphorn bekam Schüssele übrigens nicht aus der Schweiz, sondern aus dem Elsass – von einem Pastor. Der gelernte Posaunist, der seit vielen Jahren in der Alphorn-Szene unterwegs ist, spielt nicht nur auf dem Blasinstrument und komponiert eigene Stücke, sondern baut und verkauft sogar sein eigenes entwickelte Alphorn – das sogenannte „Franzenhorn“ – in alle Welt. Und unter seinen Kompositionen befindet sich zudem eine ganze Alphorn-Messe. Spätestens mit diesem Werk wurde der Multi-Instrumentalist zu einem international bekannten Alphornisten.​

Dudelsackbauer Helmut Moßmann

Auch Helmut Moßmann machte sich zwischenzeitlich international ebenso einen Namen. Mit 40 Jahren wagte er es im Jahre 1989 aus einem sicheren Beruf heraus sich selbstständig zu machen, um deutsche Dudelsäcke herzustellen. Drei Jahre später zog er mit seiner Familie in den Ortsteil Schuttertal, wo er sich den Wunsch, eine große Werkstatt einzurichten, verwirklichen konnte. Das einstige Wagnis sollte sich schnell als eine Erfolgsgeschichte herausstellen, denn seine Dudelsäcke waren schon nach kurzer Zeit weltweit gefragt. Die Nachfrage sollte sich aber nicht nur auf die Dudelsäcke aus dem Schuttertal beschränken, denn mittlerweile stellte der gebürtige Dörlinbacher auch andere Instrumente her. Dazu gehören Drehleiern, Einhandflöten, Schwegelpfeifen (eine mittelalterliche Form der Querflöte) sowie auch Bordunzithern. Diese Musikinstrumente aus Moßmanns Werkstatt sind seither nicht nur im Nachbarland Frankreich, sondern beispielsweise auch fernab in Japan und den USA beliebt.

Veröffentlicht am 24. September 2021 / red

Visuelle Impressionen zur Geschichte:

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