Jetzt kommt Leben in das schlafende Fellknäuel. Josef Kaspar hält in seiner Hand eine Milchflasche. Randvoll bis zum Sauger. Gewärmt, frisch zubereitet ist die Köstlichkeit von Ehefrau Agatha (eine geborene Kürz), die im Dorf nicht Agatha, sondern Agathe gerufen wird. Vor drei Wochen ist Bella geboren worden. Das Mutterschaf hat es nicht geschafft. „Wir haben alles probiert“; sagt Agathe Kaspar traurig. Seitdem übernimmt die Familie im Wechsel die Fütterung des kleinen Lämmchens. Leider übernehmen andere Mutterschafe nicht die Versorgung eines weiteren Lämmchens. „Irgendwie hat es die Tierwelt nicht eingerichtet“, erklärt Agathe Kaspar. Manch einer hätte die kleine Bella aufgegeben. „Sie schafft es ohnehin nicht“, war zu hören. Aber jene kannten den Willen von Agathe und Josef Kaspar nicht. Sohn Philipp Josef (Jahrgang 1991) übernimmt morgens um 6.30 Uhr die erste Fütterung.
Dass es die kleine Bella geschafft hat, liegt wohl an der liebevollen Pflege. Alle drei bis vier Stunden gibt es zwei bis drei Fläschchen. „Sie hat ganz schön Appetit“, freut sich Josef Kaspar. Vor einer Stunde ist er mit dem Wirbelwind von einem Spaziergang zurückgekehrt. „Sie folgt mir auf Schritt und Tritt.“, lacht der 71-Jährige fröhlich. Selbstverständlich folgt sie auch hin und wieder in die Küche, die direkt neben dem Stall liegt und in der vor allem die Spezialmilch aus Milchpulver zubereitet wird. „Unserer Bella soll es an nichts fehlen“, so Josef Kaspar.
Seit über 50 Jahre kommen im Dobel Lämmer zur Welt
Seit einem halben Jahrhundert fühlen sich auf dem Hof im Dobel Schafe pudelwohl. Den Anfang machten drei Schafe. Heute erfreuen sich neun Muttertiere und ein Bock an der grünen Wiese. Im Winter schmeckt ihnen Kleie. Es waren eher praktische Gründe, die Josef Kaspar vor 50 Jahren zur Entscheidung einer Schafhaltung getrieben haben. Sein Blick schweift hinüber auf die steile Hanglage. Zu beschwerlich und umständlich war das Mähen. Jetzt zeigen Hütten und fließendes Wasser auf das gute Zuhause der Schafe und ihre Lämmer. Besser und vor allem ökologischer als mit Schafen ließe sich dieses Gelände ohnehin nicht bearbeiten. In all den Jahren habe es schon das ein oder andere dunkle Schaf gegeben, aber so schwarz wie Bella war noch kein Lamm. Bella stupst sich in die Hand von Josef Kaspar. Gierig schmatzt sie vor sich hin. Keine Minute dauert es und die Flasche ist ratzeputz leer. Zurück bleibt ein zufriedenes leises Blöcken. Bis im April/Mai wird die kleine Bella von der großen Herde separat gehalten. Sie soll kräftig und stark werden. Ein Wohnrecht auf Lebenszeit ist ihr auf dem Hof auf jeden Fall garantiert. „Mag kommen, was will die Bella geben wir nicht mehr her“, sagt Josef Kaspar und freut sich schon auf den nächsten Spaziergang mit seinem Lamm über den Dobel. Aber jetzt muss sie erst einmal das warme Schöppchen setzen lassen und schläft eine Runde in ihrer Kuhle im Heu. Dabei werfen die Kühe ein liebevolles wachsames Auge auf ihren Schützling.
Veröffentlicht am 1. Juni 2021 / red / cbs
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