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Internationale Volkswandertage

Lesedauer: 5 Minuten

Ein Volkssport mit vielen Facetten

Ende Oktober 2020 sollten die 40. Internationalen Volkswandertage in Dörlinbach stattfinden, wozu der Radfahrverein „Schutterbund“ Dörlinbach seit Anfang der 1980er-Jahre jährlich im Herbst ins Schuttertal einlädt. Doch die Richtlinien einer im Februar / März 2020 beginnenden Pandemie ließen eine solche Volkssportveranstaltungen nicht zu. Durch die anhaltende COVID-19-Pandemie wird es auch im Oktober 2021 keine Volkswandertage im Schuttertal geben.

Die Auszeichnungen der ersten Jahre: Medaillen, Zinnteller, Puppen und Keramikmodelle.
Die wanderbegeistertenten Mitglieder des Radfahrvereins „Schutterbund“ Dörlinbach gingen Ende der 1970er-Jahre teilweise noch für benachbarte Wandergruppen an den Start. Anfang 1980 kam unter jenen die Idee auf, eine Wandergruppe unter dem Dach des Radfahrvereins zu gründen. Und mehr noch: Die Überlegung stand sogleich im Raum, künftig rund um Dörlinbach eigene Volkssportveranstaltungen auszurchten.
IVV-Wandertage 2004: Unterwegs auf der Strecke. Auch Einheimische nutzen gerne das Angebot gemeinsam zu Wandern.
Außenwandgemälde in der Brandhalde (Anwesen Kaspar). Hans Buschs Erstlingswerk an Dörlinbachs Hauswänden, das er im August 1975 fertigstellte.
IVV-Wandertage 2004: Impressionen von den Kontrollstellen. Dort werden die Wanderfreunde immer bestens versorgt.
Für den damaligen Vorsitzenden des Radfahrvereins Walter Horst Paul Hollstein (1935 bis 2020) ein Risiko. Doch er ließ die Gruppe erst einmal gewähren. Allerdings mit einer Bedingung: Wenn sie für mögliche Unkosten aufkommen, dann können sie das Wagnis einer solchen Großveranstaltung eingehen, soll er damals zu den Initiatoren gesagt haben. Die wiederum ließen sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen und organisierten im Oktober 1982 die ersten Volkswandertage im Schuttertal. Und zu Freude aller fand die Veranstaltung großen Zuspruch landauf, landab. Stolze 1662 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten gezählt werden. Eine Zahl, die heute noch den „Machern von damals“ ohne nachzudenken über die Lippen geht.

Wandertag wurde keine „Eintagsfliege“

Ob dieses Erfolgs war schnell klar, dass es nicht bei einer „Eintagsfliege“ bleiben würde. Auch Vorsitzender Hollstein war nun begeistert. Der Verein schloss sich dem Deutschen Volkssport-Verband (DVV) im IVV an und konnte somit im Oktober 1983 zu den zweiten Internationalen Volkswandertagen nach Dörlinbach einladen. Das heißt, die Volkssportveranstaltung, bei der es keine Sollzeiten gibt, wurde fortan nach den Richtlinien des DVV und IVV ausgerichtet. Jahr für Jahr wurde der Zuspruch an diesen Wandertagen im hinteren Schuttertal immer größer. Dies lag vor allem auch an den seinerzeit in Lahr stationierten kanadischen Streitkräfte. Denn ein Großteil der Militärangehörigen und deren Familien fanden Gefallen an diesen Volkssportveranstaltungen. So stark, dass der Radfahrverein teilweise bis zu 2500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verbuchen konnte, wovon alleine die größte der drei kanadischen Wandergruppen – die „Kanadischen Wanderfreunde Lahr“ – an einem Wanderwochenende mit insgesamt 525 Teilnehmerinnen und Teilnehmern den absoluten Rekord aufstellte. Auch die kanadische Wandergruppe „Fleur de Lys“ aus Lahr erreichte stets Teilnehmerzahlen im dreistelligen Bereich. Doch in den 1990er-Jahren gingen die Zahlen stark zurück. Grund war der Abzug der kanadischen Streitkräfte aus Lahr. Wie alle Vereine in der Region, die solche Wandertage anboten, bekam dies auch der Dörlinbacher Radfahrverein zu spüren. Zwar konnten die Wandergruppen aus dem benachbarten Elsass ein wenig den Rückgang kompensieren, aber an die Teilnehmerzahlen des einstigen Dauerabonnementssiegers – den „Kanadischen Wanderfreunde“ – kamen die Gruppen aus Frankreich nie ran. Allerdings kristallisierte sich sich nun mit dem „Club Randoneurs Boofzheim“ einer neuer Abonnementssieger heraus. Jahr für Jahr räumten die Boofzheimer den Siegerpokal für die teilnehmerstärkste Gruppe ab, bis sie mit dem „Panda-Club Westhouse“ eine ernsthafte Konkurrenz aus dem Elsass bekamen. Und wenn mal ein anderer Wanderverein den beiden elsässischen Gruppen den Sieg streitig machte, dann kam dieser in der Regel ebenfalls von der anderen Rheinseite. So wie zuletzt im Jahre 2016 der „Club de Marche Cernay“. Nach der Jahrtausendwende musste sich der Radfahrverein auf Gesamtteilnehmerzahlen um die 1000 einstellen. Meistens jedoch darunter, wie beispielsweise 2008 mit „nur“ 911 Teilnehmerinnen und Teilnehmern insgesamt. Es ging immer seltener an beziehungsweise über die magische Zahl. Im besagten Jahr als die Gruppe aus dem elsässischen Cernay gewann kratzte man mit 977 Teilnehmerinnen und Teilnehmern noch einmal knapp die 1000er-Marke.

Der Schuttertäler Stiefel

Was macht der Reiz solcher Volkssportveranstaltungen im Tal aus? Viele loben immer wieder die Streckenauswahl. Der Verein sucht jedes Jahr neue Strecken heraus, sodass auch bei den treuesten Teilnehmerinnen und Teilnehmern keine Langeweile aufkommt. Und treue Teilnehmerinnen und Teilnehmer gibt es bei den Wandertagen rund um Dörlinbach wahrlich zuhauf. Dies liegt zu einem auch daran, dass inzwischen auch einheimische Vereine und Vereinigungen sowie private Wandergruppen zum Mitmachen motiviert werden. Der größten Gruppe winkt ein Wanderpokal. Den „Schuttertäler Stiefel“, wie der Preis genannt wird, konnten schon viele in den Händen halten. Angefangen von der privaten Wandergruppe Ketterer, dem Roten Kreuz und der Damenriege bis hin zu Musikverein und Sportverein. Weiter profitiert der Verein immer wieder von seinen Wanderfahrten zu anderen Vereinen. Denn der eine oder andere Verein kommt irgendwann dann mal zu einem Gegenbesuch über ein Wandertag-Wochenende. Und gelegentlich wird es dann auch ganz international. So gab es auch schon Wandervereine aus Belgien und Luxemburg, die mit einem vollen Bus den Dörlinbacher Wanderfreunden einen Besuch abstatteten. Es gab auch schon Vereine, die mit zwei Bussen anreisten.

Diese Volkssportveranstaltungen sind für viele ein Ansporn, denn die Wandertage werden auch für das internationale Volkssportabzeichen gewertet. So kam und kommt es auch immer wieder vor, dass manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer an beiden Veranstaltungstagen auf die Strecke gehen, um möglichst viele Kilometer für das Wertungsheftchen zu machen. Andere wiederum freuten sich auf die Medaille. Dabei haben die sogenannten „Medaillen“ kaum was mit einer Medaille zu tun. Die Wanderpreise, die jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer früher gegen einen Obolus erlaufen konnte, waren vielfältig. Lediglich bei der allerersten Veranstaltung gab es eine richtige Medaille zum umhängen. Schon bei den zweiten IVV-Wandertagen war es ein Zinnteller mit dem Motiv des alten Rothweilerhofs im Durenbach, der im Jahre 1990 bis auf die Grundmauern niederbrannte. Die Serie mit den Motiv-Zinntellern wurde jedoch nach drei Veranstaltungen wieder beendet. Es folgten Mini-Puppen in Schuttertäler Tracht. Erst ein Mann im Jahre 1986, im Folgejahr eine Frau. Danach sollte es mit einem „Säcklistrecker“ (siehe dazu unter Blog-Beitrag „Das Säcklistrecken“ vom 16. März 2021) weitergehen. Dazu kam es aber nicht. Stattdessen folgten zunächst Mini-Petroleumlampen und Mini-Spinnräder, danach kleine Keramikmodelle (auch Krüge) beziehungsweise Mini-Figuren aus Ton. Heutzutage gibt es solche „Einzelbelohnungen“ für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht mehr. Der „Lohn“ ist für viele einfach nur das Genießen der Landschaft und die Einkehr an den Kontrollstellen, wo auch immer bestens für die Wandergäste aus Nah und Fern gesorgt wird. Da gibt es aber auch jene, denen die herrliche Aussicht auf den Höhen des Schuttertals egal ist, und die Strecken im Marathontempo durchlaufen – einfach nur des Trainings wegen.

Meerrettichmann und Schweizer Kater

Die Motivation ist also vielfältig. Dazu gehört auch für manch einen einfach nur das Gesellige und das Wiedersehen mit Freunden und alten Bekannten. Es gibt einiges an interessanten Geschichten, die die Volkswandertage im Laufe der Jahrzehnte mit sich brachten. Manch einer wird sich vielleicht noch an den „Meerrettichmann“ erinnern. Er kam über viele Jahre hinweg zu den Volkswandertagen nach Dörlinbach. Er wurde meist sehnsüchtig erwartet, weil er immer Meerrettichknollen mit dabei hatte, die er großzügig am Start und Ziel in der Turn- und Festhalle verteilte. Oder an jenen Gast, der nahezu regelmäßig den letzten Bus aus dem Tal heraus verpasste, weshalb er immer wieder von Vereinsmitgliedern nach Lahr gefahren werden musste. Großes Aufsehen erregte fast über ein ganzes Jahrzehnt hinweg ein Schweizer Wanderfreund. Er hatte stets einen stattlichen Kater dabei, der ihm buchstäblich im Nacken saß. Wie ein Pelzkragen lag er ihm um den Hals. Einmal wollte ein Vereinsmitglied wissen, wieso der Kater wie festgezurrt im Nacken des Schweizers liegt. „Fällt der Kater nicht hin und wieder mal zu Boden?“ Das hätte er lieber nicht gefragt. Der Schweizer bat den jungen Mann neben ihn zu stehen und auf Kommando wechselte dann tatsächlich der Kater seinen angestammten Platz hin zum Nacken des Dörlinbachers. Als dann der Kater seine Krallen quasi als Verankerung in dessen Schultern bohrte, wusste der junge Mann vom Radfahrverein sehr schnell und vor allem schmerzhaft, warum der Kater nie von der Schulter fällt.

Stolze Franco-Kanadierin

Veröffentlicht am 14. Juli 2021 / red

Visuelle Impressionen zur Geschichte:

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