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Schicksale rund um den Krieg (1)

Lesedauer: 4 Minuten

Wilhelm Griesbaum und die verlorenen Söhne Dörlinbachs

Der Zweite Weltkrieg hat unschätzliche menschliche Tragödien hervorgebracht, und die damals kleine Gemeinde Dörlinbach war da keine Ausnahme. In dieser beschaulichen Gegend lebte Wilhelm Griesbaum (1909 bis 1945), ein beliebter und fleißiger Mann, dessen Leben in den Schatten der Kriegswirren geriet. Seine Geschichte spiegelt das Schicksal vieler Familien wider, die im Zuge globaler Konflikte tiefe Verluste erlitten haben.
Die „Zieglers“ vor dem Krieg: Im Vordergrund Matthias (Jahrgang 1871)), links Magdalena (Jahrgang 1912), rechts Roman (Jahrgang 1907).
Im Frühjahr 1950 erschütterte die Nachricht von Wilhelm Griesbaums Tod in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft das Dorf. Am 19. Juli 1945 verstarb er, und die Trauer war groß. Sein Vater, Matthias Griesbaum (1871 bis 1956), hatte bereits zwei seiner Söhne im Krieg verloren. Diese Schicksale machten den Verlust von Wilhelm besonders schmerzhaft. Matthias, verwitwet und gezeichnet von der Trauer um seine zweite Frau Magdalena (1882 bis 1929), war ein Mann voller Geduld, der nun seinen letzten Sohn betrauern musste.
Roman Griesbaum, der als junger Vater von zwei Buben am 12. Oktober 1944 in Polen bei Warschau fiel, hinterließ eine schmerzhafte Lücke in der Familie.
Außenwandgemälde in der Brandhalde (Anwesen Kaspar). Hans Buschs Erstlingswerk an Dörlinbachs Hauswänden, das er im August 1975 fertigstellte.
Roman, Wilhelm und Josef Griesbaum starben alle im Zweiten Weltkrieg. Keiner der Brüder kehrte von der Ostfront zurück.
Die Familie Griesbaum war prägend für die Geschichte Dörlinbachs. Von den vier Söhnen, die der Zieglerhof-Bauer Matthias mit Magdalena hatte, überlebte kein einziger. Andreas, geboren 1910, der kurz nach seiner Geburt starb, und Roman, geboren 1907, der als junger Vater von zwei Buben am 12. Oktober 1944 in Polen bei Warschau fiel, hinterließen schmerzhafte Lücken in der Familie. Der jüngste Sohn Josef, geboren 1921, fand sein Ende am 25. März 1944 ebenfalls auf dem Schlachtfeld. So gesehen, war Wilhelm nicht nur ein weiteres verlorenes Leben im Krieg. Er war Teil eines Ganzen, das durch die Schrecken des Krieges auseinandergerissen wurde.
Der große Verlust und die Hoffnung auf Heimkehr

Robert René Litty fand durch die Liebe seinen Weg nach Dörlinbach. Geboren im schweizerischen Matten bei Interlaken, hatte er ein internationales Elternhaus: Der Vater stammte aus dem Elsass, die Mutter war Schweizerin. Zunächst im Hotelfach tätig, arbeitete er unter anderem im Schnellzug Basel-Mailand. Später erlernte er das Mechanikerhandwerk, was ihn über die Schweiz, das elsässische Sennheim und Mühlhausen nach Lahr führte. Dort begegnete er Anna Deibel, eine Dörlinbacherin. Nach ihrer Heirat schufen sie sich im Ziegelgrund ein Eigenheim. René Litty engagierte sich zeitlebens für das Gemeinwohl und kümmerte sich als Rentner um die Pflege der Prinschbachhütte und der dazugehörigen Freizeitanlage. Tag für Tag wanderte er zur Hütte, um nach dem Rechten zu sehen. Sie wurde zu seinem Steckenpferd, wofür er mehrfach vom örtlichen Verkehrsverein ausgezeichnet wurde. Dieses Engagement setzte sein Sohn Daniel Litty fort, der bis heute die Anlage betreut. Lesenswert zu René Litty ist auch der Beitrag „Derlebacher G’schichtle – Folge 15“ vom 18. Februar 2022 (Göttliche und militärische Lebensretter).

Zahlen gefallener Soldaten variieren

Friedrich Wehrles Geburtshaus war die einst weit über die Grenzen des Schuttertals hinaus bekannte Gastwirtschaft „Zum Löwen“. Friedrich wuchs zusammen mit sieben Geschwistern mitten im Dorf auf und erlernte zunächst das Küferhandwerk, das er mit der Note „Sehr gut“ abschloss. Doch der Beruf sowie der elterliche Betrieb mussten warten: Im Ersten Weltkrieg diente er an der Westfront. Am 1. Februar 1932 übernahm er die elterliche Gastwirtschaft. Passend dazu hatte er sich mit Amalia Hämmerle auch die richtige Ehefrau ausgesucht, denn ihre Wiege stand einst im Gasthaus „Zur Sonne“ im Nachbarort Schweighausen. Über drei Jahrzehnte hinweg führten Fritz und Amalia den „Löwen“ mit viel Fleiß und Fachkenntnis. Nachdem Fritz 1966 den Gastronomiebetrieb an die nächste Generation übergeben hatte, widmete er sich den täglichen Arbeiten rund um die Gastwirtschaft, insbesondere seinem geliebten Hausgarten. Vom Frühling bis in den späten Herbst war er dort fast täglich anzutreffen und hatte immer Zeit für ein Schwätzchen. Fritz Wehrle verstarb 1982 fünf Monate nach seiner goldenen Hochzeit mit Amalia im Alter von 87 Jahren. Weitere spannende Einblicke in sein Leben und die Geschichte des „Löwen“ findet ihr in unseren Blog-Beiträgen „Nudelherstellung in Dörlinbach“ vom 21. Mai 2022 und „Gasthaus Zum Löwen“ vom 4. Juli 2022.

Einblicke in die Menschlichkeit

Die Geschichten von Wilhelm Griesbaum, Roman und Josef vom Zieglerhof (heute: Ziegelhof) sind mehr als nur Namen in einer Statistik. Sie stehen für die unzähligen Schicksale, die der Krieg zerriss. Diese Lebensgeschichten erinnern uns daran, dass hinter jeder Zahl eine Familie, ein Freund oder ein Nachbar stand, der Hoffnungen und Träume hatte und deren Nähe nun schmerzlich vermisst wird. In kommenden Blog-Beiträgen werden wir weitere Geschichten über die Gefallenen, Vermissten und die, die nach langen Jahren zurückkehrten, erzählen. Ihre Schicksale sind Teil des kollektiven Gedächtnisses Dörlinbachs und verdienen es, gewürdigt zu werden. Lassen wir die Vergangenheit nicht vergessen, während wir die Geschehnisse der Gegenwart reflektieren und auf ein friedlicheres Morgen hinarbeiten – gerade in dieser aktuell wieder schwierigen Zeit.

Veröffentlicht am 23. März 2025 / red

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